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Seidenstraße
Text: Tina Breckwoldt und Rebecca Scheiner
Musik aus Ländern entlang der Seidenstraße
Arrangements: Gerald Wirth
Inszenierung: Rebecca Scheiner
Bühne und Requisiten: Martin Mohr
Kostüme: Daniela Jelesic
Wissenschaftliche Beratung: Heidi Harrigan (Wien und North Canton), Ted Levin (Dartmouth), Rana Mitter (Oxford), Claudia Römer (Wien), Gebhard Selz (Wien)
Haydnchor 2003 und 2004
Tourneeproduktion
Der Begriff Seidenstraße beschwört Basare und Suqs, Karawanen, Kamele, Moscheen, Stupas, Wüste, Gebirge, Gerüche, bunte Völker, wilde Abenteuer, Musik: Er bezeichnet die alte Handelsverbindung zwischen Asien und Europa. Die Seidenstraße hat viele Seitenstraßen; es gibt viele Wege zwischen den Kulturen.
Die Musik zur Seidenstraße stammt aus ethnologischen Forschungen. Das Rohmaterial der meisten Lieder stammt vom Musikethnologen Ted Levin, dessen The Hundred Thousand Fools of God (Bloomington 1997) unerwartete zentralasiatische Begegnungen bietet.
Christian, der Geist Feng und das sprechende Kamel Fu-pa (dessen Name übrigens "Göttliches Geschöpf" bedeutet) suchen nach dem Ethnologen Huang, der "irgendwo entlang der Seidenstraße" verschwunden ist. Das ungleiche Trio klettert auf Berge, durchquert Wüsten; sie treffen auf Kaufleute, Händler, Bettler, Nomaden, Scheichs, Gaukler, Taschendiebe - und zu guter Letzt retten sie sogar Huangs Leben.
Musik spielt auf der Reise eine wichtige Rolle. Die Bandbreite der Lieder reicht von Qawwali und Ghazal bis zu Feldschreien aus Tajikistan. Die Sängerknaben singen in den Originalsprachen Farsi, Mandarin, tajikisch, türkisch, uighurisch, usbekisch; es wird getrommelt, geklatscht, getanzt.
Die beiden Autorinnen des Textes, Tina Breckwoldt und Rebecca Scheiner, haben sich der Seidenstraße auf einem wissenschaftlichen Weg genähert. Es ist Musik, an die man sonst nicht heran kommt; man kann die Noten nirgends kaufen. Ohne die Arbeit der Wissenschaftler wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Wir haben eine Menge Musik, die wir bei dieser Gelegenheit nicht verwenden konnten, aber wir hoffen, dass wir Geldmittel aufstellen können, um das Projekt auszuweiten. Dutzende Lieder aus Zentralasien, der Mongolei, Syrien, dem Iraq und Armenien sowie die von Ingeborg Baldauf und Max Klimburg über Jahrzehnte gemachten Aufnahmen aus Afghanistan warten noch auf ihre Bearbeitung für die Wiener Sängerknaben.
Für die Uraufführung des Seidenstraßen-Projektes wurden acht Lieder ausgewählt. Die meisten Lieder lagen Wirth nur als Tonaufnahme vor. Viele Aufnahmen sind spontan gemacht worden; auf der Straße oder auf dem Feld, ohne Vorbereitung oder besonderes Gerät. Man muss die Lieder in unser Tonsystem übertragen; bei Vierteltonschwankungen ist das nicht immer eindeutig. Wirth hat die Lieder so arrangiert, dass die Sängerknaben sie gut singen können. Wir haben nicht den Anspruch, authentische Weltmusik zu machen, das könnten wir gar nicht. Wir wollen dem Original gerecht werden, indem wir es mit Respekt behandeln; aus der Begegnung entsteht etwas Eigenes. Wirth und Kapellmeister Janko Zannos, Johannes Mertl und Kerem Sezen haben die Lieder mit den 24 Knaben des Haydnchors geprobt. Jedes Lied wird mit einer anderen Technik gesungen, hat seinen eigenen Klang. Die Feldschreie sind echte Schreie, sagt Wirth, im Qawwali improvisieren die Kinder; in anderen Liedern singen sie lyrisch. Wir haben den Kindern die Originalaufnahmen vorgespielt. Sie mochten den Ausdruck, den Schwung, den Rhythmus, und sie haben Tag und Nacht die Melodien vor sich hin gesummt oder gesungen.
Ein wichtiger Aspekt des Projekts war die Inszenierung. Die Kinder spielen mit Begeisterung Theater. Wir hatten großes Glück, dass wir Rebecca Scheiner als Regisseurin verpflichten konnten, meint Wirth. Scheiner hat ein schnelles, witziges Stück mit bunten Massenszenen inszeniert, an dem ihre jungen, quirligen Akteure sichtlich Spaß haben. Und der Zuschauer muss genau aufpassen, wenn er den Taschendieb sehen will.
Die Jungs sind entzückend, sagt Rebecca Scheiner. Sie hören sich die Regieanweisungen an und dann spielen sie, was das Zeug hält; aber sie lassen nichts durchgehen. Sie sehen Aspekte einer Szene, an die man gar nicht gedacht hat. Große Mengen Wasser, Schokolade und Gummibären waren Schlüsselzutaten bei den Proben.
Die junge Regisseurin versteht das Seidenstraßen-Projekt als eine Aufforderung für ein besseres Verständnis zwischen Menschen und Völkern. Die drei Reisenden sind überall wo sie hinkommen, Gäste. Sie treffen auf verschiedene Kulturen, sie beobachten, aber sie greifen nicht ein. Deshalb werden sie überall akzeptiert.
Bildhauer Martin Mohr hat das tragbare, faltbare und sängerknabengeprüfte Bühnenbild entworfen: die große Karte von der Seidenstraße verwandelt sich in einen Basar, bildet Minarette und Kuppeln, Zinnen aus Lehm komplett mit Geiern und chinesischen Drachen. Jalousien öffnen sich und geben bemalte Torwege frei und zum Schluss entfaltet sich, aus dem Nichts, die chinesische Mauer: pure Magie. Mohr ist auch für die elegante Erscheinung des Kamels verantwortlich. Die bunten Kostüme stammen aus der eigenen Kostümschneiderei des Knabenchors.
Das Wiener Museum für Völkerkunde (verwaltet vom KHM) hat die Wiener Sängerknaben großzügig eingeladen, das Stück in seiner Afghanistan-Ausstellung aufzuführen. Wirth freut sich: Eine passendere, bessere Location gibt es nicht: Es ist ein Privileg, die Seidenstraße hier zu spielen.
Die Sängerknaben selbst freuen sich auf einen ausführlichen Gang durch die Ausstellung und echte Objekte von der Seidenstraße. Luke Bernhard, 13 und Thomas Buchinger, 11, die unter anderem zwei Mongolen spielen, sind besonders gespannt auf eine echte Jurte!
