Inhalt
Die Schicksalstafel
Kinderoper nach dem babylonischen Anzu-Mythos
Text: Tina Breckwoldt
Musik: Gerald Wirth
Inszenierung: Frank Martin Widmaier
Regieassistenz: Nina Margarethe Schmidt
Bühne und Kostüme: Martin Mohr
Technik: Andreas Ryba
Haydnchor
Leitung: Lucio Golino
Dirigent: Gerald Wirth
Uraufführung am 23.2. 2002 im Musikverein, im Rahmen des Zyklus Allegretto
Synopsis
Im alten Babylonien wird die Welt von der Schicksalstafel bestimmt. Die Tafel, eine Mischung zwischen Orakel und Horoskop, kann die Zukunft vorhersagen und scheinbar auch beeinflussen. Sie befindet sich im Tempel des weisen Wassergottes Enki, der sie täglich in einem Ritual befragt. Die Welt außerhalb des Tempels ist eine Art Wüste.
In dieser Wüste lebt Anzu, der löwenköpfige Adler, der vor Jahren den Tempel verlassen hat. Sein Plan ist es, sich in den Tempel einzuschleichen und die Tafel und damit die Herrschaft über die Götter an sich zu reißen.
Im Tempel bereiten sich die Götter auf das Ritual vor. Ischkur und Schara streiten sich, wer an diesem Tag das Tor bewachen soll; das ist die unbeliebteste Aufgabe im Tempel. Man weiß nie, was draußen lauert. Im Hintergrund ärgert Ninurta Turtle. Ischkur schlägt Ninurta als Torwache vor, Ninurta will die Aufgabe Turtle zuschieben, der ist aber gänzlich ungeeignet. Schara schlägt vor zu würfeln; die Freunde Ischkur und Schara schummeln, so dass Ninurta das Torhüten zufällt.
Es folgt der Chor mit dem Ritual und einem Preislied auf Enki (Herr voll hohen Sinnes, dessen Wille unerforschlich ist, der alles weiß, Enki, voll weiten Verstandes).
Ein Geräusch am Tor. Das Geräusch wiederholt sich, Ninurta muss aufmachen. Da fällt ihm eine erschöpfte Gestalt entgegen und bricht vor ihm zusammen. Ninurta fürchtet sich und ekelt sich vor dem Ding, das auf dem Boden liegt; der Chor ist erschreckt. Turtle ist der einzige, der den löwenköpfigen Adler erkennt: Anzu hat den Tempel vor Jahren verlassen. Als Enki kommt, erklärt ihm der Chor die Situation: Er kam, er kam einfach und brach zusammen. Ninurta beteuert: Ich habe ihn nicht angefasst. Enki identifiziert den Ankömmling, und konfrontiert Ninurta mit der Nachricht, dass es sich um Ninurtas Bruder handelt. Ninurta ist verblüfft, er hat den Bruder seit seiner Kindheit nicht gesehen. Ein Sprechchor greift es auf, Enki singt eine Arie, in der er Ninurta über seinen Bruder erzählt (Dein Bruder Anzu wuchs hier auf).
Anzu, der seine Ohnmacht nur vorgetäuscht hat, kommt langsam zu sich. Enki, der weise, großzügige, heißt ihn willkommen im Tempel. Längst hat er Anzu durchschaut, er weiß, dass Anzu es auf die Tafel abgesehen hat. Er weiß aber auch, dass die Dinge ihren Lauf nehmen müssen und dass man schlussendlich die Tafel nicht stehlen kann: die Tafel wird immer zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückkehren. Und er macht es Anzu einfach: er ernennt ihn zum Hüter der Tafel. Turtle kommentiert, er versteht nicht, was Enki nun schon wieder vorhat. Anzu wähnt sich am Ziel seiner Träume (Ich bin der Hüter der Tafel) und singt eine Arie, in der er sich über die Götter lustig macht (Götter schlafet nur in Ruh) bevor er mit der Tafel durchs Publikum verschwindet.
Nach dem Raub der Tafel befindet sich der Tempel im Aufruhr; die Götter können ihr Ritual nicht mehr abhalten, alle suchen die Tafel. Es muss doch etwas geben, was wir tun können, meint Schara, und die Götter beschließen, einen Helden auszuschicken, der die Tafel zurückholen soll. Schara und Ischkur weigern sich. Schließlich tritt Ninurta vor, er wird gegen seinen Bruder ziehen. In einem Kampfchor mit babylonischem Originaltext (Besiege den Anzu, verwüste sein Nest) machen sie Ninurta Mut.
Anzu hält inzwischen in seinem einsamen Adlerhorst Zwiesprache mit der Tafel; aber er kann sie nicht lesen, sie bleibt ihm dunkel. Er ist zunehmend irritiert, da naht sich Ninurta mit dem Kampfchor auf den Lippen, unter dem Schutz von Nebelschwaden. Es kommt zu einem Zweikampf zwischen den Brüdern. Keiner kann die Oberhand gewinnen. Blut ist dicker als Wasser, und die Möglichkeit einer Machtübernahme reizt Ninurta wohl auch: die beiden beschließen, gemeinsam gegen die Tempelbewohner und vor allem diesen stinkenden Fischkopf von Enki zu ziehen. Die Tafel soll ihnen im Tempel helfen; im Tempel muss die Tafel funktionieren.
Natürlich hat man sich im Tempel inzwischen auf ihre Ankunft vorbereitet; die Mauergötter haben sich in ein Labyrinth verwandelt, das sich bewegt. Ninurta findet den Weg hinein nicht mehr, die Verzweiflung steigt, sie drücken sich gegen eine Mauer, und die gibt nach. Anzu stürzt über Turtle, der dahinter kauert und verliert seine Tafel und damit seinen Herrschaftsanspruch. Es folgt ein Spottchor, Hochmut kommt vor den Fall und wer den Schaden hat -
Enki stoppt den Chor mitten im schönsten Spott, hilft Anzu und Ninurta auf und gibt ihnen auch etwas von ihrem Stolz wieder. Dem Chor, der nach Bestrafung schreit, erklärt er: Niemand entrinnt seinem Schicksal. Eures ist es, ihnen zu vergeben. Ihres ist es, sich vergeben zu lassen. Zum Schluss singen alle gemeinsam das Ritual; sie haben erkannt, dass man das Schicksal zwar nicht beeinflussen kann, aber doch für seine Handlungen verantwortlich ist. Die Wahrheit liegt in euch selbst.
Die beste (und schönste) Kritik der Uraufführung kam von Musikfreund und Kenner Wenzel Beck, 2, der am nächsten Morgen seine Augen aufschlug und fachkundig bemerkte: "Kindertheater gehen!"
